Joseph Marx (1882–1964)
Über Leben und Werk des Komponisten Joseph Marx
Prolog: Rückkehr eines großen Österreichers
Das von den Zeitgenossen des Komponisten Joseph Marx gezeichnete Bild seiner Person besagt, daß er in der österreichischen Musik eine regelrechte Ausnahmeerscheinung sei, in der das Wesen eines Künstlers mit einem sehr außergewöhnlichen musikalischen Talent und einem Hang fürs Mystische, einer hochwissenschaftlichen Denkweise und einem starken Sinn für Pädagogik und Humanismus, einer ungewöhnlichen schriftstellerischen Begabung sowie auffälligen Führungsqualitäten stecke. Diese übertrieben scheinenden Aussagen haben sich erstaunlicherweise als wahr erwiesen. Marx war ein Mann der Gegensätze, als Person ein absolutes Unikat, als Musiker eine Koryphäe — ungeheuer charismatisch, vielseitig gebildet, souverän, schlagfertig und bissig, gleichzeitig aber ein echter Künstler mit geradezu exzentrischen Zügen und einem ausschweifenden Lebensstil, und dennoch im Beisammensein mit seinen Freunden als liebenswürdiger, geselliger Mensch humanistischer Prägung sehr geschätzt. Für seine Schüler, die aus aller Herren Länder zu ihm kamen, war er eine lebende Legende.
Nahezu gänzlich unbekannt ist übrigens die Tatsache, dass Marx im Jahre 1932 als erster westlicher Musiker von Atatürk in die Türkei eingeladen und beauftragt worden ist, das türkische Konzert- und Musikschulwesen und das Konservatorium nach westlichem Vorbild aufzubauen. Marx reiste hierzu als Berater mehrere Male für längere Perioden in die Türkei und legte der türkischen Regierung 1933 sein abschließendes Gutachten vor (auf unserer Internetseite finden Sie zudem einen ausführlichen, sehr bildhaft und lebendig geschriebenen Aufsatz des Künstlers über die Musikalität der Türken und seine Zeit als Berater Atatürks). So trug Marx als erster westlicher Botschafter entscheidend zur Völkerverständigung bei und schlug Brücken zwischen Kulturen, die sich zuvor völlig fremd gewesen waren. Seine Nachfolger waren übrigens keine geringeren als Paul Hindemith und Béla Bartók.
Ein weiteres Verdienst ist Marxens vielfältiges Wirken nach dem Zweiten Weltkrieg, als er maßgeblich am Wiederaufbau des polnischen Musiklebens, das sehr unter dem NS-Regime gelitten hatte, beteiligt war und zudem als Vertreter Österreichs in sämtlichen Jurys und Gremien der UNESCO für die Wiederherstellung der vom Naziregime zerstörten internationalen Beziehungen Österreichs eintrat. Joseph Marx, dem in den Jahren nach seinem Tode eine Nähe zum NS-Regime unterstellt wurde, kann diesbezüglich nicht das geringste nachgewiesen werden (sowohl das Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes als auch das vom weltbekannten Forscher Fred Prieberg herausgegebene gigantische Lexikon »Handbuch Deutsche Musiker 1933-45« enthalten keinen einzigen Eintrag über Joseph Marx). So sind beispielsweise die Briefe von NS-Musikern an Joseph Marx die einzigen, in denen diese sich nicht trauten, mit dem Hitlergruß zu unterschreiben. Zudem war Marx nach dem Anschluß Österreichs aller seiner vorherigen Aufgaben enthoben, während manch andere Komponisten und Dirigenten bekanntlich hohe Positionen innerhalb der Reichsmusik innehatten. Sämtliche Überlieferungen von noch lebenden Zeitzeugen belegen, daß Joseph Marx es mit seiner tiefen Abneigung gegen den Anschluß oftmals sogar auf die Spitze trieb, wenn er — ohne zu zögern auch öffentlich — lautstark über die Nazis schimpfte und dabei offenbar kein Blatt vor den Mund nahm.
Dennoch wurde Marxens Ansehen durch Gerüchte und tragische Irrtümer, wie beispielsweise Namensverwechslungen mit dem für seine Chorwerke bekannten Komponisten Karl Marx (1897-1985; diese Verwechslungen mit K. Marx sind schon sehr früh — beispielsweise in einem Briefwechsel zwischen J. Marx und der Universal Edition aus dem Jahre 1937 — dokumentiert, in welchem von Joseph Marxens Verwechslung mit dem »reichsdeutschen Komponisten Karl Marx« die Rede ist), der zur Zeit des Dritten Reiches in Graz gewirkt und zu jener Zeit unter anderem bereitwillig etliches an politisch Brauchbarem und Gefragtem komponiert hat, schwer geschädigt (und es hat nachweislich auch in den Folgejahren und vor allem nach dem Tode von Joseph Marx und sogar bis in die heutige Zeit hinein immer wieder erneute Verwechslungen mit Karl Marx gegeben). NS-Dokumente, die von Frau Mag. Monika Kröpfl im Staatsarchiv in Wien gefunden wurden, belegen zudem unmißverständlich, daß Joseph Marx, der als rebellischer Eigenbrötler bekannt war, bei den zuständigen Kulturfunktionären des NS-Regimes höchst unbeliebt war. So konnte man beispielsweise überhaupt nicht nachvollziehen, warum dieser Komponist zu seinem 60. Geburtstag eine Ehrung erhalten hatte. Prof. Dr. Gernot Gruber, Ordinarius des Institutes für Musikwissenschaft der Universität Wien und führende Mozart-Autorität, ist nur einer von vielen weiteren Kennern der Materie, die in den letzten Jahren immer wieder darauf hingewiesen haben, daß politische Verdächtigungen gegenüber Joseph Marx jeder Grundlage entbehren.
Heute, dank der weiterführenden Forschungen von Dr. Peter Vujica und Berkant Haydin, ist die Musikwissenschaft endlich in der Lage, die vielfältigen Verdienste Joseph Marx' als Komponist und Kulturförderer der österreichischen und europäischen Musik des 20. Jahrhunderts so zu würdigen, wie Marx es verdient.
Joseph Marx gehörte in den Jahrzehnten seines Wirkens als Komponist und Pädagoge zu den wenigen österreichischen Künstlern wissenschaftlicher Prägung, die man ohne Umschweife als weltberühmt bezeichnen kann. Heute läßt sich nicht einmal annähernd erahnen, welch hohes Ansehen Marx in der internationalen Musikszene genoß. Viele große Komponisten und Dirigenten haben ihrem Kollegen und Freund Joseph Marx ihre Werke gewidmet und ihm eindrucksvolle Briefe und Botschaften der Dankbarkeit, Freundschaft und Bewunderung übermittelt (dokumentiert in der Handschriften- und Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek). Persönliche Bekanntschaften und Freundschaften pflegte Marx u.a. mit Dmitri Schostakowitsch, Giacomo Puccini, Arnold Schönberg (dessen Freundschaft mit Marx von ca. 1914 bis zum Ausbruch des musikästhetischen Machtkampfes zwischen Tonalität und Atonalität belegt ist), Paul Wittgenstein, Arthur Bliss, Zoltán Kodály, Maurice Ravel (mit dem Marx einmal eine Schiffsreise unternommen hat), Pancho Vladigerov, Wilhelm Furtwängler, Eugene Ormandy, Clemens Krauss, Julius Bittner, Emil Nikolaus von Reznicek, Karl Böhm, Robert Heger, Hans Swarowsky, Walter Gieseking, Siegmund von Hausegger, Richard Strauss, Wilhelm Kienzl, Franz Lehár, Gabriel Pierné, Ottorino Respighi, Leopold Godowsky, Erkki Melartin, Alban Berg, Eric Zeisl, Aram Khatchaturian, Emil von Sauer, Franz Schmidt, Nikolai Medtner, Sergei Bortkievicz, Erich Wolfgang Korngold, Franz Schreker und Karol Szymanowski.
Bei jemandem wie Joseph Marx, dessen Leben sich nur in Superlativen beschreiben läßt, ist es kaum verwunderlich, daß all das Beeindruckende, was man über ihn weiß, von seiner Musik sogar noch übertroffen wird. Marx wurde für seine seelenvolle Musik, seinen Ruf als anerkannte Autorität und seine menschlichen Charakterzüge von Kollegen aus aller Welt eine nahezu uneingeschränkte Wertschätzung entgegengebracht. Warum die Werke eines derart schillernden Komponisten heute nicht zu den festen Größen in den Konzertprogrammen gehören, hat jedoch Ursachen, die mit der Qualität seiner Musik nichts zu tun haben, sondern im Heimatland des Komponisten begründet liegen. So gibt es für das, was aus Joseph Marx nach seinem Tode gemacht wurde, in der Retrospektive nicht die geringste Rechtfertigung. Vielmehr steht fest, daß Marx heute nur durch einen großen Irrtum ein weitgehend Unbekannter ist. Hier scheint sich ein österreichspezifisches, zeitgeschichtliches Phänomen abgespielt zu haben, das in dieser Form einmalig und unwiederholbar ist. Die Aufarbeitung der von glanzvollen Höhepunkten und einem traurigen Nachspiel geprägten Biographie des Joseph Marx ist Gegenstand jahrelanger Forschungen, die noch längst nicht abgeschlossen sind, während die in jeder Hinsicht verdiente Renaissance seiner Werke jedoch schon längst begonnen hat…
Originalportrait von Richard Strauss mit eigenhändiger Widmung an Joseph Marx:
Dieses Unikat im Großformat (A3 oder größer) stammt aus dem Nachlaß von Joseph Marx; mit herzlichem Dank an Dr. Friedrich Böhm.
Lebensstationen, Verdienste und Ehrungen
- 1909 Promotion zum Doktor der Philosophie an der Universität Graz und zugleich Veröffentlichung preisgekrönter musiktheoretischer Arbeiten
- ca. 1906-12 Komposition von 77 Liedern (Schuberthaus-Verlag), die von den größten Diven und Meistersängern des Zwanzigsten Jahrhunderts interpretiert wurden. Von den zu Lebzeiten des Komponisten veröffentlichten Liedern, deren Kompositionsjahr in den Notendrucken angegeben ist, sind von 1901 bis 1905 9 Lieder, in den Jahren 1914-1916 weitere 6 Lieder und von 1930 bis 1945 weitere 8 Lieder entstanden. Die zu Marxens Lebzeiten unveröffentlichten Lieder, die erst in heutiger Zeit veröffentlicht wurden, sind hingegen vielfach nicht datierbar, doch jedenfalls ist deren Großteil bis 1905 entstanden (bei 34 Liedern ist dies nachweisbar). Insgesamt hat Joseph Marx 156 Lieder komponiert.
- ca. 1910-46 Komposition zahlreicher Orchester- und Chorwerke, die von den bedeutendsten Maestros seiner Zeit (ur)aufgeführt wurden (Ferdinand Löwe, Hans Swarowsky, Wilhelm Furtwängler, Clemens Krauss, Arthur Nikisch, Karl Böhm, Fritz Reiner, Robert Heger, Josef Krips, Karl Etti, Miltiades Caridis, Milan Horvat, Zubin Mehta u.v.a.)
- 1914-52 Professor für Musiktheorie, Harmonielehre, Komposition und Kontrapunkt an der Universität Wien
- 1922-24 Leiter der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien als Nachfolger von Ferdinand Löwe
- 1924-27 einstimmig gewählter Rektor der auf seine Initiative hin gegründeten ersten Hochschule für Musik in Wien
- 1947-52 Professor für Musikwissenschaft an der Universität Graz
- 1932-33 erster Berater der Atatürk-Regierung im westlich orientierten Aufbau des türkischen Konservatoriums, Musikschulsystems und Konzertwesens (seine Nachfolger waren Hindemith, Bartok u.a.). So trug Marx als Botschafter entscheidend zur Völkerverständigung bei und schlug Brücken zwischen Kulturen, die sich zuvor völlig fremd gewesen waren.
- Mit allein in Wien insgesamt 1.255 Studenten aus aller Herren Länder der mit Abstand aktivste österreichische Musikpädagoge des Zwanzigsten Jahrhunderts (nachweislich einer der begehrtesten Musikpädagogen weltweit, ähnlich Nadia Boulanger)
- Einflußreicher Essayist und Musikkritiker mit jahrzehntelanger Tätigkeit für die größten Zeitungen und Fachzeitschriften Wiens
- Vorsitzender der Max-Reger-Gesellschaft sowie langjähriger Präsident und Ehrenvorstand der Mozartgemeinde Wien
- Langjähriger Vertreter Österreichs als Juror bei internationalen Kompositionswettbewerben
- Langjähriger Präsident (teilweise über fast zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tode) zahlreicher Institutionen wie Österreichischer Komponistenbund, AKM, Gesellschaft zur Herausgabe von Denkmälern der Tonkunst, Vereinigung der Musikerzieher Österreichs, Wiener Kritiker-Vereinigung u.a.
- Langjähriger Vertreter Österreichs in sämtlichen Jurys und Gremien der UNESCO und in dieser Eigenschaft maßgeblich verantwortlich für den Wiederaufbau der internationalen Beziehungen des Landes nach dem Zweiten Weltkrieg
- Namensgeber für den 1947 gestifteten Joseph-Marx-Musikpreis des Landes Steiermark, mit dem so bedeutende Künstler wie Nikolaus Harnoncourt, Alfred Brendel, Gundula Janowitz und Iván Eröd ausgezeichnet worden sind
- Ehrenpräsident des Steirischen Tonkünstlerbundes, des österreichischen Tages der Musikpflege, der Fédération Internationale des Sociétés d'Auteurs et Compositeurs (1960) u.a.
- Ehrendoktor und Ehrenmitglied der Universitäten für Musik und darstellende Kunst in Graz und in Wien (Joseph Marx war — nach Anton Bruckner und Franz Schmidt — der dritte Musiker überhaupt, dem von der Universität Wien die Ehrendoktorwürde der Philosophie verliehen wurde)
- Ehrenmitglied der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (Marx war 1956 der erste Komponist überhaupt, dem diese Ehre zuteil wurde), der AKM, des Wiener Schubertbundes, der Wiener Konzerthausgesellschaft, des Österreichischen Komponistenbundes, der Wiener Symphoniker, der Gesellschaft der Musikfreunde, des Musikvereins für Steiermark, der Österreichisch-Sowjetischen Gesellschaft, der Franz-Léhar-Gesellschaft, des Vereins zur Förderung zeitgenössischer Musik, des Max-Reger-Institutes, der Internationalen Franz-Schreker-Gesellschaft uva.
- Ehrenbürger sowie Träger des Ehrenrings der Städte Wien und Graz
- Träger des Großen Silbernen Ehrenzeichens der Republik Österreich (1928), des Großen Österreichischen Staatspreises (1950; Marx war der erste, der diesen Preis erhielt), des Musikpreises der Stadt Wien (1952), des Musikpreises des Landes Steiermark (1956), des Großen Ehrenzeichens für Wissenschaft und Kunst (1957), der Mozartmedaille der Mozartgemeinde Wien u.a.
Der Meister kommt zu Wort
»Durch alles Klingen tönet im bunten Erdentraum ein leiser Ton, gezogen für den, der heimlich lauschet. Es ist der Sehnsuchtston der Romantik, den jeder im eigenen Herzen vernimmt, wenn die Ferne in Telegraphendrähten singt, der erste Vogelruf im Frühling aus zartem Birkengrün ertönt und die Seele erschauern macht wie in der ersten Jugend. Auch im Glockenton zittert für den, der heimlich zu lauschen vermag, Glück und Leid des ganzen Lebens nach; immer mächtiger schwillt es an und wird zum Schicksalsklang, der sich dem seligen Gesang der Ewigkeit vermählet.«
»Nur das große Kunstwerk, die erhebende Philosophie eines großen Denkers vermag den bleibenden, dauernden Trost zu spenden. Wer das große Glück eines reichen inneren Erlebnisses kennt, der weiß, daß das wahre Reich des Menschen wirklich nicht von dieser Welt ist, die uns das Unzulängliche des Daseins bei jeder Gelegenheit spüren läßt. Gerade davon merken aber die meisten nichts. Sie leben in Saus und Braus dahin, während der innere Mensch stirbt, weil er jenes inneren Lichts bedurft hätte, das unsere Väter einst zu ewigen Höhen führte. Während Europa innerlich zugrunde geht, erstickt es äußerlich an billigem Ermüden. Man zerbricht sich den Kopf, was man der Menge noch bieten könnte an geistloser Zerstreuung, Aufzügen, Sensationen. Jedes an sich vernünftige Prinzip gipfelt in Übertriebenheit; Charakteristisches wird zur Groteske, Gefühle zu übertriebener Sentimentalität, Gesinnung zu unerträglichem Theater. Der Lärm erstickt jede feinere Regung. Rohheit wird Tugend, Rücksicht heißt Schwäche.« (aus: Der Mensch verkümmert — Ein offenes Wort für die Erziehung zum Geist)
»Das echte Kunstwerk ist naturhaft wie ein Baum, der sich aus einem Keim entwickelt, wächst, blüht; alltäglich und doch wieder unbegreiflich in seiner Pracht, aus tausend Teilen gefügt, und doch eine einzige unbeschreibliche Schönheit.«
»Die ewige Kunst will den Menschen zu den edelsten Begeisterungen seiner Vollendung führen.«
»Ein Schimmer himmlischen Glanzes ruht auf der Kunst, und nur der findet in solchem Lichte Gnade, der reinen Herzens schuf und wirkte.«
»Die Musik hat eigenartige, wunderbare, geradezu ewige Gesetze für den, der heimlich lauscht.«
»Die Kunst hat eine besondere, scheinbar widerspruchsvolle Aufgabe: Sie führt uns aus der Wirklichkeit heraus und zeigt uns gerade dadurch die Schönheiten des Lebens.«
»Gerade weil das Leben der realen Welt manches schuldig bleibt, sucht der Mensch Zuflucht in der Kunst und findet sie in einer erhöhten Geistigkeit, die Blicke ins Unendliche tut und dadurch seelisch tröstet.«
»Das edle Gefühlserlebnis ist neben den Erkenntnissen der Wissenschaften und dem Ethos der Lebensführung das einzig Wertvolle des Daseins.«
»Große Kunstwerke bleiben als das unverlierbare Kulturgut der Menschheit erhalten, und in ihnen wirkt die Bedeutung des Volkes, das sie erfand.«
»In der Natur fühlt der Mensch das eigne Herz schlagen, wenn er sorgenschwer am trüben Herbstabend durch den Park geht.«
»Wo sich das Undefinierbare, Unnachahmliche naturgewollt gestaltet, dort beginnt das ewige Reich der Kunst.«
»Die Natur wird zur großen Künstlerin, wenn man ihr Gelegenheit zum Musikmachen gibt. Äolsharfenklang aus verfallenen Fensterbögen einer efeuumsponnenen Burg am späten Sommernachmittag ist die süßeste “Reverie”.«
»Unsere Musik ist vielleicht die größte Kulturtat unseres Volkes und zugleich eine der höchsten Leistungen unseres Kontinents, unser stolzestes Werk und unser größtes Glück; mögen wir uns dessen immer eingedenk bleiben.«
»Der Künstler in seinen Werken. Er dichtet sich darin die Welt so, wie er sie gerne haben möchte, stellt sich hinein, kommt darin um, aber das Geistige, um das es ihm dabei geht, wirkt weiter und enthüllt uns sein Innerstes.«
»Gnade der Einheit von Werk und Mensch - auch dies ist himmlisches Geschenk.«
»Vielleicht ist dies die höchste Begnadung des Kunstwerkes: daß es wieder zur Natur wird oder in seiner Vielfalt unteilbar einheitlich wirkt wie die Schöpfung, deren Abbild es in sich trägt.«
»Musik ist klingendes Leben.«
(Quelle: »Joseph Marx — Betrachtungen eines romantischen Realisten«. Gesammelte Aufsätze, Vorträge und Reden von Joseph Marx über Musik. Hrsg. von Oswald Ortner. Gerlach & Wiedling, Wien 1947)
Sein Leben
Joseph Rupert Rudolf Marx (* 11. Mai 1882 in Graz; † 3. September 1964 in Graz) war ein bedeutender österreichischer Komponist, Pädagoge und Musikkritiker.
Marx wurde bereits von seiner Mutter in Musik unterwiesen. Später erhielt er Unterricht an Johann Buwas berühmter Klavierschule (an der zuvor Hugo Wolf Klavierunterricht erhalten hatte), wo er sich zu einem virtuosen Pianisten entwickelte. Zugleich brachte er sich selbst das Cello- und Geigespielen bei. Während seiner Gymnasialzeit begann er zu komponieren, indem er aus vorhandenen Themen Klavierstücke und kleinere Werke für Trio- und Quartettbesetzung arrangierte und diese mit Freunden in Wirtshäusern aufführte.
Er studierte auf Wunsch seines Vaters Rechtswissenschaft, wechselte jedoch bald zu Philosophie und Kunstgeschichte. Dies führte schließlich zu einem Bruch mit seiner Familie, doch Marx hatte weiterhin großes Interesse an der Musik, so daß er im Alter von 26 Jahren seine Kompositionstätigkeit wieder aufnahm und innerhalb von vier Jahren (1908-12) ungefähr 120 seiner 156 Lieder schrieb. Nachdem er den Doktortitel der Philosophie erworben hatte, nahm er 1914 den Posten des Professors für Theorie an der Musikakademie der Universität Wien an.
Zuvor hatte Marx in Graz im Rahmen einer eigenen, jahrelangen musikwissenschaftlichen Forschungsarbeit (basierend auf 8000 Einzelversuchen mit musikalisch unterschiedlich geschulten Testpersonen) zwei umfangreiche Dissertationen über Klangpsychologie und das Wesen der Tonalität vorgelegt (von denen eine mit dem "Wartinger"-Preis der Universität Graz ausgezeichnet wurde), die auf der Pionierarbeit des Musikwissenschaftlers Hugo Riemann basierten. Dieses heute völlig vergessene Schaffensgebiet von Joseph Marx, das hinsichtlich seiner Bedeutung mit den berühmten Volksliedstudien von Zoltán Kodály oder den Musikgeschichtsforschungen von Alban Berg vergleichbar ist, legte den Grundstein für Marxens spätere Position als führende Autorität der tonalen Musik Österreichs.
1922 wurde er Direktor der Akademie und von 1924 bis 1927 übte er das Amt des Rektors der auf seine Initiative hin gegründeten ersten Hochschule für Musik aus. Im Jahre 1932 wurde Marx von Atatürk beauftragt, als erster Berater im Aufbau des Konservatoriums in Ankara und des türkischen Musikschulsystems tätig zu werden (lesen Sie einen von Marx persönlich verfaßten Bericht über seine Zeit in der Türkei). Er übte diese damals international vielbeachtete Tätigkeit bis Ende 1933 aus (seine Nachfolger waren Hindemith, Bartok u.a.).
Marx, der lange Jahre auch als Kulturressortleiter und angesehener Musikkritiker und Essayist für die wichtigsten Musikjournale und Zeitungen Wiens tätig war, unterrichtete in seinen 43 Jahren als Kompositionslehrer ca. 1.300 Schüler sehr unterschiedlicher Herkunft, von denen viele später in ihren jeweiligen Sparten und Heimatländern zu Ruhm gelangten. Das wahre Ausmaß seines Einflusses auf die Musik des 20. Jahrhunderts und seiner erstaunlichen Popularität offenbarte sich erst kürzlich durch die Erschließung des bei der Österreichischen Nationalbibliothek befindlichen gigantischen Briefnachlasses (Marx hat rund 15.000 Briefe von ca. 3.400 Personen erhalten). Der Briefnachlaß brachte daneben auch Joseph Marxens zentrale Rolle in dem jahrzehntelangen Machtkampf zwischen der tonalen Musik und der Avantgarde ans Tageslicht.
Joseph Marx war Präsident und Ehrenvorsitzender vieler bedeutender Institutionen und Vereinigungen der österreichischen Musik (u.a. der Mozartgemeinde, des Österreichischen Komponistenbundes und der AKM). Der als gefeierte Liedkomponist und Pädagoge längst auch international hochangesehene Marx hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg für den Wiederaufbau des mitteleuropäischen und insbesondere des österreichischen Musiklebens eingesetzt und als Vertreter Österreichs in sämtlichen Gremien der UNESCO für die Wiederherstellung der durch die NS-Zeit zerstörten internationalen Beziehungen Österreichs gesorgt. Unter anderem dafür wurde er mit dem höchsten Musikpreis ausgezeichnet, der in Österreich vergeben wird: Er erhielt 1950 als erster den »Großen Österreichischen Staatpreis für Musik«. Es folgten später das »Große Ehrenzeichen für Wissenschaft und Kunst« sowie die Musikpreise der Stadt Wien und des Landes Steiermark.
So wirkte Joseph Marx als einflussreicher Würdenträger in den letzten beiden Jahrzehnten seines Lebens, bis zu seinem Tode im Jahre 1964, weiterhin mit vollem Einsatz als Pädagoge, Kritiker, Juror und Musikfunktionär und blieb auf diese Weise dem österreichischen und europäischen Musik- und Kulturleben, das er so lang wie kein anderer mitgestaltet und geprägt hatte, bis zu seinem letzten Atemzug treu — und doch starb er als im Grunde einsamer, gebrochener Mann, dessen Lebenstraum von der Erhaltung hoher Musikkultur letztendlich an seinem zu großen Unglauben in die Zukunftsträchtigkeit der musikalischen Moderne scheiterte.
Die Jahre nach seinem Tode
Aus einem Brief von Ernst Fischer (Nationalratsabgeordneter der KPÖ) an Joseph Marx (11.05.1962; zu dessen 80. Geburtstag):
»In Ihrer Musik leuchtet verklärt die österreichische Landschaft, Rebenhügel, goldenes Herbstlaub, der helle Himmel drüberher, Melancholie und Liebenswürdigkeit, Vitalität und das Leben, ein Traum, romantisch verzaubertes Österreich. Ihre Persönlichkeit, die jeden Teufelspakt zurückwies und zu keinem Zugeständnis an Eroberer und Machthaber bereit war, ist über die Grenzen dieses Landes hinausgewachsen. Ihre Phantasie ist nicht Rückzug der Wirklichkeit, und was melodisch in ihr tönt, ist ein tapferes Herz. Daraus wächst auch Ihr Humor, der das Gegenteil österreichischer Schlamperei ist, nämlich Attacke gegen alles Aufgeblasene, respektlose Haltung vor jeder Obrigkeit. Ihr scharfer Witz hat stets Ihre milde Musik ergänzt. Sie haben nicht nur Rhythmus, sondern Rückgrat. Und das ist hierzuland höchst rühmenswert. So haben Sie Dank, lieber Meister, für Ihre Kunst und Ihre Mannhaftigkeit.«
Während der letzten rund anderthalb Jahrzehnte seines Lebens galt Marx trotz seines allgemeinen Rufes als konservative Vaterfigur der tonalen Musik Österreichs allgemein als unumstrittene, nahezu allgegenwärtige Autorität des Wiener Musiklebens. Diese mit einer immensen Machtstellung verbundene Wertschätzung (Marx wurde Anfang der Fünfziger Jahre sogar als möglicher Kandidat für das Amt des österreichischen Bundespräsidenten gehandelt) fand jedoch mit seinem Tod ein jähes Ende. Im Zweiten Weltkrieg war Marx — seit 1938 aller seiner vorherigen Ämter enthoben (einschließlich seiner Tätigkeit als Musikkritiker für das Neue Wiener Journal, das nun von den Nazis kontrolliert wurde) — in Wien geblieben und hatte sich mit der ihm noch verbliebenen Stellung als bekannter Komponist und gern gesehener Redner für die »Rettung der untergehenden Musikkultur«, wie er es bezeichnete, eingesetzt und im Rahmen dessen einige Reden über die Musik im NS-Staat gehalten.
Dies und die Tatsache, daß er weder emigriert noch lautstark protestiert hat, nahmen einige zum Anlaß, ihn nach seinem Tod politisch zu verdächtigen und ihm entgegen aller bekannten Tatsachen eine Nähe zum Naziregime vorzuwerfen. Bereits während seiner letzten Lebensjahre war Marxens Machtstellung, die er sich seit Ende der Vierziger bzw. seit Anfang der Fünfziger Jahre erworben hatte, zunehmend schwächer geworden, bis er schließlich im September 1964 starb. Die Wegbereiter der neuen Moderne waren darüber erleichtert und ließen es geschehen, daß seine Werke während der Sechziger Jahre zunehmend in die Versenkung gerieten. Später brachten Namensverwechslungen mit dem NS-Komponisten Karl Marx (1897-1985), der während des Zweiten Weltkrieges ausgerechnet in Joseph Marxens Heimatstadt und späterem Lehrort Graz als Professor gewirkt hatte, dem schon lange verstorbenen Joseph Marx weitere verhängnisvolle Beschuldigungen ein.
Die mehrfach unternommenen Versuche, den mit zahlreichen jüdischen Künstlern wie Herbert Zipper, Franz Schreker, Erich Zeisl, Marcel Rubin und der Korngold-Familie eng befreundeten Joseph Marx zusätzlich zur widerlegbaren NS-Nähe auch noch eine antisemitische Haltung zu unterstellen (meist mit dem Hinweis, daß Marx gegen die jüdisch dominierte Zwölftonmusik opponiert hat), scheiterten letztendlich durch die Erschließung seiner vorliegenden Briefwechsel mit seinen vielen jüdischen Freunden und Schülern, von denen er einige vor der Deportation gerettet hat. Doch angesichts weiterer gezielter Verleumdungskampagnen, von denen eine in der Umbenennung des Joseph-Marx-Musikpreises des Landes Steiermark gipfelte, war sein Ansehen inzwischen beinahe irreparabel geschädigt.
Die Dritte Wiener Schule hat Marx insbesondere seine Einflußnahme zur Bewahrung der Tonalität übelgenommen. Im Zuge dessen wurden seine ganz und gar nicht erzkonservativen Werke als »reaktionäre Musik« gebrandmarkt, so daß den meisten seiner einst beliebten Werke jede Chance auf eine Rückkehr in die Konzertsäle verwehrt blieb. Der Tod von Joseph Marx bildet daher in gewisser Weise ein Symbol für den Untergang einer Generation von Komponisten, die sich der neuen Ära der musikalischen Moderne in den Weg gestellt hatten.
Nach weiteren politischen und kulturpolitischen Umwälzungen hatte Österreich sich schließlich zur Neuen Musik bekannt und sich gleichzeitig von einem seiner einstigen Vorzeigekomponisten abgewandt. Förderungen zugunsten einer Pflege der Werke des verstorbenen Joseph Marx blieben nahezu vollkommen aus. So war der Wunsch seiner Lebensgefährtin Anna Hansa, daß anläßlich seines Todes nach langer Zeit endlich die Herbstssymphonie in seiner Heimatstadt Graz wiederaufgeführt werden sollte, trotz all ihrer Bemühungen zum Scheitern verurteilt. Der weltbekannte Meisterkomponist aus Graz, den man dort ein halbes Jahrhundert lang mit großem Stolz hergezeigt hatte, war nun des Aufwands für eine Aufführung seines Hauptwerkes nicht mehr wert. Anna Hansa, die mit Marx 55 Jahre lang in romantischer, inniger Liebe befreundet gewesen war, kam über den Tod und das Schicksal ihres geliebten Joseph, der seine letzten Lebensjahre als eine für ihn unerträgliche Zeit der Kulturkrise erlebt hatte und infolgedessen herzkrank und depressiv geworden war, nicht mehr hinweg und starb wenige Jahre nach ihm.
All diesen Tatsachen ist es zu verdanken, daß Marx in den nach seinem Tode umgeschriebenen und neu geschriebenen Musikgeschichtsbüchern nur noch als zwar einflußreicher, jedoch erzkonservativer Musikpädagoge geführt und als ein Komponist bezeichnet wird, der angeblich nur im Bereich des Liedschaffens Interessantes zustande gebracht habe. Die im Frühjahr 2006 in Wien gegründete Joseph-Marx-Gesellschaft will dieses verzerrte und voreingenommene Bild von Joseph Marx, das in Österreich teilweise noch immer aufrechterhalten wird, geraderücken und auf die Vielfalt in der Musik von Joseph Marx hinweisen, damit seine vergessenen bzw. teilweise noch unentdeckten Werke den verdienten Einzug in die Konzertsäle und den CD-Markt halten können.
Sein Privatleben
Im Jahre 1908, genau in der Zeit, als er in seiner Grazer Studentenbude die meisten seiner Lieder schrieb, kurz vor seiner Promotion zum Doktor der Philosophie, lernte Marx die Sängerin Anna Hansa (1877-1967) kennen, eine angesehene Dame aus der Grazer Künstlerszene. Anna Hansa war mit dem Arzt Dr. Friedrich (Fritz) Hansa verheiratet. Dieser wollte der tiefen Künstlerliebe zwischen seiner Frau und dem jungen »Pepo« Marx nicht im Wege stehen, bat jedoch seine Frau Anna, sich nicht scheiden zu lassen, da ihm dies zu sehr wehgetan hätte. So blieb die Ehe von Anna und Fritz, der 1941 starb, wenigstens auf dem Papier bestehen, und Marx hatte in Anna eine Frau fürs Leben gefunden, auch wenn sie später nie das ganze Jahr über zusammenleben, geschweige denn heiraten sollten (es geht jedoch das Gerücht, daß Fritz auf dem Sterbebett Anna das Versprechen abnahm, Joseph Marx nie zu heiraten, weil Fritz dies nach eigener Aussage nicht verkraftet hätte).
Anna Hansa war die erste Sängerin, die seine Lieder zur Aufführung brachte. Mit einem von ihr gegebenen sensationellen Liederabend im März 1909 kam für Marx der Durchbruch als gefeierter Liedkomponist, dessen Ruhm sich in den Folgejahren in ganz Österreich und später auch in der ganzen Welt herumsprach. Doch kaum war Marx 1914 auf Einladung der Wiener Musikakademie als künftiger Professor für Musiktheorie und Komposition nach Wien umgezogen, stand er als der damals meistgespielte Liedkomponist Österreichs unmittelbar im Rampenlicht — und an diesem Prominentenstatus, der später internationale Ausmaße annahm, sollte sich bis zu seinem Lebensende nichts mehr ändern.
Marx, der mit den berühmtesten Musikern seiner Zeit befreundet und vielen bedeutenden Komponisten des späten 19. Jahrhunderts persönlich begegnet war, strahlte allen Berichten zufolge ein enormes Charisma aus, was durch seine imposante Figur, sein volles wehendes Haar und sein römisches Profil noch begünstigt wurde. Obwohl nicht nur ein gebildeter Philosoph und schwärmerischer Musikpoet, sondern auch ein eigenwilliger Rebell und Provokateur in ihm steckte, muß er gerade auf Künstlerinnen und Sängerinnen äußerst anziehend gewirkt haben. Liebesbriefe und Geschenke, die dem Komponisten teilweise sogar in Anwesenheit von Anna Hansa (!) überbracht wurden, waren keine Seltenheit.
Da Joseph Marx es seit seiner Jugend gewohnt war, die antiken Lebensfreuden in vollen Zügen zu genießen, hatte er in den Monaten des Jahres, die er in seiner Wiener Wohnung verbrachte, nachweislich Affären mit jüngeren Frauen und machte auch kein Geheimnis draus. Die in Graz lebende Anna Hansa wußte indes, wie sehr die Damenwelt ihren Pepo begehrte und daß er sie — seine Anna — trotz seiner Liebschaften aus tiefstem Herzen anbetete, wie durch den vorliegenden Briefwechsel der beiden und durch persönliche Zeugenberichte eindrucksvoll belegt ist. Und so ließ sie ihn trotz ihrer Eifersucht gewähren.
Marx, der im Grunde seines Herzens ein sentimentaler Mensch war, der sich geistig intensiv mit der Vergänglichkeit des weltlichen Lebens auseinandersetzte, sagte einmal:
»Ich liebe das Leben so sehr, wie ich den Tod fürchte. Deshalb muß ich die Jugend spüren.«
Es heißt, daß aus einer der Affären von Joseph Marx sogar ein Kind hervorgegangen sein soll, doch über Identität und Schicksal dieser angeblichen Nachkommenschaft konnte nichts Näheres ermittelt werden. Eine auf den Laternen am Ehrengrab von Joseph Marx auf dem Wiener Zentralfriedhof eingravierte Botschaft (»In Liebe, Deine Adele«), wohl von einer ihn liebenden Dame stammend, ist stiller Zeuge eines sehr bewegten Künstlerlebens. Der Komponist Ebbe Hamerik (1898-1951) schrieb seinem Freund Joseph Marx in einem Brief (vermutlich 30er Jahre) folgendes:
»Du glücklicher Mensch, den die Frauen so lieben, ich verstehe jetzt besser, warum Du nicht heiratest: Die Wahl ist schwer und Du bleibst freier und unabhängiger, was vielleicht das einzig Wichtige ist für einen Künstler, wie Du bist.«
Marx verbrachte die Sommermonate und die übrigen Hochschulferien in einem idyllisch gelegenen Landhaus der Familie Hansa in Grambach bei Graz. Hier komponierte er die meisten seiner Werke. Die Villa Hansa, in deren Gästebuch die Namen einer Vielzahl prominenter Musiker und Dichter zu finden sind, diente auch als Künstlertreff, wo gemeinsam musiziert und lange Spaziergänge und Ausflüge in die Natur unternommen wurden. In der Grambacher Ortschronik (Maria Hammerl, 1983) heißt es:
Marx war der Einstellung der Landbevölkerung weit voraus. So duschte er sich an heißen Sommertagen gern im Park. Das nahm ihm eine alte Nachbarin sehr übel und drohte lautstark mit deutlichen Schimpfworten und drastischen Gesten. Er nahm diesen Zornausbruch wohl nicht allzu ernst und schrieb als Antwort daraufhin einem seiner Freunde auf einer Postkarte nach Wien: “Grambach ist ein reizendes Nest, doch diese Menschen…”
Als das Haus der Familie Hansa im Jahre 1952 verkauft wurde, war Marx zutiefst enttäuscht und kam nur schwer darüber hinweg. Erste Anzeichen seiner späteren Altersdepression sind in dieser Zeit anzusiedeln.
Bitte klicken Sie hier, um sich Fotos dieses Hauses und anderer Orte anzusehen, an denen Joseph Marx gelebt und gewirkt hat.
In seiner Freizeit beschäftigte Marx sich seit seiner Jugend gern mit der Fotografie. Der Nationalbibliothek vorliegende Naturaufnahmen, die er in seinen früheren Jahren gemacht hatte, demonstrieren seinen schon früh entwickelten Sinn für Ästhetik und deuten an, wie er sich zum »österreichischen Impressionisten«, wie ihn später seine Schüler nannten, hinentwickeln sollte. In den Zwanziger und Dreißiger Jahren nahm Marx seinen Fotoapparat mit auf seine zahlreichen Autoreisen, die er manchmal dazu nutzte, seine Künstlerfreunde (u.a. Zoltan Kodály, Karol Szymanowski und Ottorino Respighi) an deren Heimatorten zu besuchen. Zu einer seiner Italienreisen lud er übrigens seinen Freund Alban Berg ein. Marx, dem eine ungeheure Allgemeinbildung in den unterschiedlichsten Bereichen wie z.B. der internationalen Literatur und der Kunstgeschichte bescheinigt wurde, fühlte sich erstaunlicherweise auch in der Technik und in den Naturwissenschaften zu Hause; seine Briefe, in denen er über die technischen Vorzüge diverser Automobilmodelle oder über die neuesten wissenschaftlichen Entdeckungen fachsimpelt, zeigen eine weitere Facette des außerordentlich vielseitigen Menschen Joseph Marx auf.
Klangpsychologie und Kompositionsstil
Hans Jancik in »Die Musik in Geschichte und Gegenwart« (Bd. 8 1960, S. 1738-39):
»Die Werke von Joseph Marx sind Stimmungsmusik reinster Prägung und Ausdruck eines ungewöhnlichen Schönheitsempfindens. Südländische Melodienfreude, romanischer Impressionismus und das Klangerleben der jungrussischen Schule, vor allem Skrjabins, verbinden sich in ihnen zu charakteristischer Synthese. Dazu kommt ein starker Sinn für Polyphonie, dem auch die Mittelstimmen der Kompositionen ihre lebensvolle Faktur verdanken. Als Ausgleich gegen die stets überquellende Phantasie ist dem wissenschaftlich hochgebildeten Musiker ein scharfes Denken zueigen, das Inhalt und Form in Übereinstimmung zu bringen sucht.«
Den Grundstein für seinen späteren Ruf als Vaterfigur der tonalen Musik Österreichs legte Marx bereits während seines Studiums. Im Rahmen seiner jahrelangen wissenschaftlichen Forschung, basierend auf 8.000 einzelnen Hörexperimenten, führte Marx umfangreiche tonpsychologische Untersuchungen an einer großen Zahl von musikalisch unterschiedlich geschulten Testpersonen durch. Ziel dieser vom Philosophen Alexius von Meinong betreuten Arbeit, in welche auch Marxens Erkenntnisse aus langen Gesprächen mit dem bekannten Experimentalpsychologen Vittorio Benussi einflossen, war die Untersuchung psychologischer Wahrnehmungsphänomene beim Hören und Erfassen von Tonkomplexen (Intervalle, Melodien, Akkorde und Akkordfolgen). Seine Ergebnisse faßte Marx zunächst in der mit dem ersten »Wartinger-Peis« der Philosophischen Fakultät ausgezeichneten Arbeit »Welche psychologischen Gesetzmäßigkeiten begreift die Musiktheorie unter dem Namen der Tonalität« und später — nach weiteren Ergänzungen — in seiner der Philosophischen Fakultät im Jahre 1909 vorgelegten Doktorarbeit mit dem Titel »Über die Funktion von Intervall, Harmonie und Melodie beim Erfassen von Tonkomplexen« zusammen.
Marx kam darin zu dem Ergebnis, daß der menschliche Geist dazu neige, bei komplexeren Akkorden Töne hinzuzuhören. Er stellte gemäß Hugo Riemann fest, daß alle Tongestalten in Bezug auf ein tonales Zentrum erfaßt würden. Der Hörer könne sogar übersprungene Tonarten hinzuhören und neige dazu, Klangstrukturen mit tonaler Bedeutung auszustatten. Auch wenn Marx mit seinen Schlußfolgerungen dem Wesen der eineinhalb Jahrzehnte später entstandenen atonalen Musik widersprach, stellt seine wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet der musikpsychologischen Forschung einen Meilenstein in der Musikgeschichte des frühen 20. Jahrhunderts dar. Hinsichtlich der Tragweite und Bedeutung seiner Arbeit können allenfalls die Volksliedstudien von Zoltán Kodály oder die Musikgeschichtsstudien von Alban Berg zum Vergleich herangezogen werden.
Die Werke von Joseph Marx, der sich bereits vor seinem 20. Lebensjahr in den Klangwelten von Max Reger, Claude Debussy und Alexander Skrjabin zu Hause fühlte, sind das Produkt eines ausgesprochenen Individualisten und bis ins hohe Alter hedonistisch veranlagten Künstlers, der sich am ehesten mit der hochgeistigen, schwelgerischen Lebensart und Mythologie der Antike identifizieren konnte und ein geradezu metaphysisch inniges Verhältnis zu Mutter Natur hatte. Ähnlich wie Skrjabin suchte Marx aufgrund seiner starken Affinität zu mystischen Vorstellungen nach dem Höchsten in der Kunst als Ausdruck für den transzendenten Aspekt des Daseins.
Dabei hob er die spätromantisch-impressionistische Klangfülle vor allem in der monumentalen, über weite Strecken regelrecht orgiastischen »Herbstsymphonie« aus dem Jahre 1921 auf einen Gipfel empor, von dem aus es keine Steigerung mehr geben konnte und wohl auch nicht sollte. Somit bildet die Herbstsymphonie als Krönung eines von Überschwang und ungezügelter Leidenschaft geprägten Orchestermusikschaffens zweifellos das musikalische Erbe von Joseph Marx.
Einen weiteren Höhepunkt des Marxschen Schaffens findet man in dem Chorwerk »Ein Neujahrshymnus«, mit dem Marx seine spätromantisch geprägte, auf die Liederjahre folgende Chormusikphase (1910-14) abschloß. Erst mit »Verklärtes Jahr« aus dem Jahre 1932 sollte er den Gesang ein letztes Mal mit einer ausschweifenden Symphonik verbinden. Seine zunächst im Schatten der erfolgreichen Lieder stehenden Orchester- und Chorwerke zeugen insgesamt von einem stark ausgeprägten Sinn für Polyphonie und einer unkonventionellen Harmonik. Hierdurch wird ein Maximum an Klangwirkung erzielt, gleichzeitig werden aber auch einige Instrumente im Orchester stets an ihre Grenzen gebracht.
Seine trotz starker Melodik recht eigenwillige, die Tonalität voll ausschöpfende Tonsprache brachte Marx den Ruf eines Erneuerers unter den »Traditionalisten« ein und sorgt bei vielen seiner Werke für einen spieltechnisch hohen Anspruch. Die sich daraus für Solisten sowie für Dirigenten und Orchestermusiker ergebenden Schwierigkeiten resultieren häufig in einer mangelnden Transparenz und Ausdifferenzierung der teilweise ins Extreme reichenden polyphon-komplexen Klangstrukturen.
All diese Tatsachen sind ein untrüglicher Beweis dafür, daß Joseph Marx eine nahezu beispiellose Kombination aus hochbegabtem Wissenschaftler und echtester Künstlerseele war. Dies allein vermag zu erklären, warum seine Musik als so außergewöhnlich wohlklingend empfunden wird, und es ist zugleich eine völlig ausreichende Rechtfertigung für die hohen technischen Anforderungen, die Marx mit seinen Partituren an die Musiker stellt. Daß die mit größter Raffinesse komponierte Musik von Joseph Marx weit schwieriger wiederzugeben ist, als die wunderbaren Melodien und der satte Klang vortäuschen, ist wohl eines der wichtigsten Markenzeichen dieses Komponisten.
Seine Werke
Mit Ausnahme der drei Streichquartette und der beiden Streichorchesterwerke, die beim Wiener Musikverlag Doblinger erhältlich sind, wurden alle Werke des Komponisten von der Universal Edition in Wien herausgegeben.
Eine weitere gute Quelle, bei der man Partituren/Noten von Marx-Werken bestellen kann, ist der Verlag Schott International als Deutschland-Vertretung der Universal Edition.
Unbedingt empfehlenswert sind auch die Marx-Studienpartituren des Münchner Musikverlags Jürgen Höflich. Dort sind zur Zeit Studienpartituren der folgenden Orchesterwerke erhältlich: Romantisches Klavierkonzert, Idylle für Orchester und Eine Herbstsymphonie.
Vokalwerke
Lieder/Orchesterlieder:
- insgesamt 156 Lieder. Hiervon sind 23 für Gesang und Orchester/Streichorchester arrangiert. 55 Lieder aus dem Nachlass von Marx sind bislang unveröffentlicht (Stand: Dezember 2025), sie stehen aber mittlerweile in einem Privatdruck von Werner Marihart zur Verfügung. Der Orchesterlieder-Zyklus "Verklärtes Jahr" (siehe unten) wurde von Marx zusätzlich auch für Singstimme und Klavier veröffentlicht.
- Verklärtes Jahr für mittlere Stimme und Orchester (Liederzyklus, 1930-32; auch f. Singstimme und Klavier)
Hierzu siehe auch das kostenlos verfügbare Buch:
Peter Rastl: Die Texte der Lieder von Joseph Marx (überarbeitete Version; Stand: Februar 2026)
Chorwerke:
- Ein Neujahrshymnus für gemischten Chor (oder Männerchor) und Orchester (1914)
- Berghymne für gemischten Chor (oder Männerchor) und Orchester (ca. 1910)
- Herbstchor an Pan für gemischten Chor, Knabenstimmen, Orgel und Orchester (1911)
- Morgengesang für Männerchor und Orchester (1910)
- Abendweise für Männerchor, Blasorchester, Pauken und Orgel (1912)
- Gesang des Lebens für Männerchor und Orgel (1914)
Hinweis: Einige dieser Chorwerke sind bei der Universal Edition auch in anderen (kleineren) Besetzungen verfügbar.
Instrumentalwerke
Orchesterwerke:
- Eine Herbstsymphonie (1921)
- Eine symphonische Nachtmusik (1922)
- Idylle — Concertino über die pastorale Quart (1925)
- Eine Frühlingsmusik (1925)
- Eine festliche Fanfarenmusik für Blechblasorchester, Pauken und kleine Trommel (1928)
- Nordland-Rhapsodie (1929)
- Alt-Wiener Serenaden (1941)
- Sinfonia in modo classico für Streichorchester (1944)
- Partita in modo antico für Streichorchester (1945)
- Feste im Herbst (1946)
Solokonzerte mit Orchesterbegleitung:
- Romantisches Klavierkonzert in E-Dur (1919-20)
- Castelli Romani für Klavier und Orchester in Es-Dur (1929-30)
Sonstige Werke
- Drei Streichquartette
- Drei Klavierquartette
- »Trio-Phantasie« für Klaviertrio
- Zwei Violinsonaten
- Werke für Cello und Klavier
- Sechs Stücke für Klavier
- Zehn weitere Klavierstücke
- Rund zehn Orgelstücke
- Eine Reihe von Stücken für Gesang und Kammerensemble
Schriften
- Harmonielehre. Unter Zugrundelegung des Lehrganges von Joseph Marx verfaßt von Friedrich Bayer. Universal-Edition, Wien 1933
- Kontrapunktlehre. Unter Zugrundelegung des Lehrganges von Joseph Marx verfaßt von Friedrich Bayer. Universal-Edition, Wien 1935
- Joseph Marx — Betrachtungen eines romantischen Realisten. Gesammelte Aufsätze, Vorträge und Reden von Joseph Marx über Musik. Hrsg. von Oswald Ortner. Gerlach & Wiedling, Wien 1947
- Joseph Marx: Weltsprache Musik. Bedeutung und Deutung tausendjähriger Tonkunst. Austria-Edition, Wien 1964
- Hunderte von musikwissenschaftlichen Aufsätzen des Komponisten, die teilweise im Joseph-Marx-Archiv (Berkant Haydin) dokumentiert sind
Zahlreiche biographische Aufsätze von Berkant Haydin über Joseph Marx sowie ein sehr ausführliches Werkverzeichnis, eine Reihe von Hörbeispielen (MP3), eine lückenlose Diskographie aller erhältlichen CD-Einspielungen, eine vollständige Aufführungsdatenbank zur Musik von Joseph Marx und vieles mehr finden Sie auf Berkant Haydins umfangreicher Homepage:
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